Während und etwa bis zum Ende des Mittelalters war die Unterwäsche rein utilitaristisch, ihr Doppelzweck war, die Haut vor den scheuernden Stoffen der äußeren Bekleidung und diese wiederum vor der Unsauberkeit des Körpers zu schützen. Zusätzliche Bekleidungsschichten wurden auch gern als Wärmeschutz und als Schutzhülle für die häufig viel teurere äußere Bekleidung genommen, die auf diese Art sauber gehalten werden konnte und eine Barriere vor der Körperwärme bildete. Geruch oder Verschmutzung durch den direkten Kontakt mit dem Körper wurde regelmäßig weggewaschen. Die Forderung der höheren Klassen nach schützender Unterwäsche steigerte die Nachfrage nach feiner gewebter äußerer Bekleidung. Diese untere Schutzschicht schützte die Haut der Wohlhabenden auch vor dem Scheuern des Brokats (mit einem Metallfaden gewebter Seidenstoff) sowie vor Irritationen durch Wollfasern und Pelzinnenseiten.

Die Herrenunterwäsche bestand aus zwei einfachen Kleidungsstücken: dem Hemd für den Oberkörper und Hosen - "braies" oder "breeches" - für die unteren Körperteile. Der Dichter Geoffrey Chaucer (um 1343 bis 1400) beschrieb in den Reimen des Sir Tophas seiner Canterbury Tales diese Kleidungsstücke:

Er zog als Nächstes seine weiße Haut an -
Die aus feinem Leinen,
eine Hose und auch ein Hemd.

Das in unterschiedlichen Formen von beiden Geschlechtern getragene Hemd ist das einzige Kleidungsstück, das bis vor ungefähr einhundert Jahren gleich geblieben ist und als eine Unterkleidung direkt auf der Haut getragen wurde. Es hat in seiner Geschichte überall seine grundlegende Form beibehalten. Während dieser Periode bestanden die Hemden aus einem Vorder- und einem Rückenteil, die durch Nähte an den Schultern und den Seiten verbunden und mit einer Öffnung für den Hals versehen wurden, die sich weit genug öffnete, um über den Kopf gezogen zu werden, sie waren dann bis zu den Manschetten einfach gerade geschnitten. Die Hemdlänge änderte sich im Laufe dieser Periode einige Male, und mal reichte das Hemd bis zum Beginn der Schenkel, mal bis zu den Knien (oder irgendwo dazwischen).

Der verwendete Stoff war abhängig vom Stand des Trägers, er bestand meistens aus Hanf, Leinen oder Wolle und nur gelegentlich, für die Wohlhabenderen, aus Seide. Der Status der oberen Klasse wurde auch durch die Verwendung von Stickereien am Hals und den Manschetten angezeigt. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts durften sich bei der feinen Wäsche der wohlhabenden Männer zwischen der Jacke und über das Gesäß bis zum Beginn der Strümpfe voluminöse Falten bauschen.

Braies (weiße Hosen von der Hüfte bis oberhalb der Knie) waren, abgesehen von einer Phase in der Mitte des 12. Jahrhunderts, als eine Tunika sie größtenteils verbarg, tatsächlich äußere Bekleidungsstück. Zu dieser Zeit hatten die meisten dieser Hosen breite, sackartige Beine, die bis in die Mitte der Wade reichten und um die Taille mit einem 'braiel', einer Schnur oder einem riemenähnlichem Gürtel, befestigt wurden. Im Laufe des Jahrhunderts wurden der Gesäßteil dieser Hosen allmählich breiter und die Beinteile kürzer, sie wurden in lange, mit Schnüren am Hosengürtel befestigte Strümpfe gesteckt. Im Laufe des nächsten Jahrhunderts änderte sich die Länge zwischen Knie und Knöchel mit der Tendenz, kürzer zu werden.

Im 14. Jahrhundert wurden die Hosen kürzer und die Taille näherte sich den Hüften, damit wurden sie aber auch knapper, bis sie am Anfang des 15. Jahrhunderts wenig mehr waren als ein Lendenschurz, und am Ende der Periode ähnelten sie schließlich der modernen Unterhose mit Beinansatz. Das Tragen von Hosen oder Kniehosen wurde mit zunehmendem Bekanntheitsgrad als ein Zeichen guter Manieren und der Zivilisation betrachtet. Im vierten Buch seiner Chroniken hat der französische Chronist und Dichter Jean Froissarts (um 1337 bis um 1405) beschrieben, wie er die Iren von ihren „... vielen flegelhaften und unziemlichen Gewohnheiten" einschließlich der Tatsache, dass sie keine Hosen trugen, „... kurierte", und wie er sich bemühte, das zu ändern, indem er „... eine große Menge von Unterhosen anfertigen und sie an ihre Könige und deren Diener senden ließ" und sie lehrte, wie sie zu tragen seien.

 

Mittelalterliche Unterkleidung